“Wia gredt, so g'schriebm"
Grenzüberschreitender Dialog über Journalismus und Narrative im ländlichen Raum
Workshop in Schärding brachte 20 Journalist:innen & Interessierte aus Bayern und Österreich zusammen
Am 14. Oktober 2025 fand im Stadtwirt in Schärding ein besonderer Workshop statt: Unter dem Titel „Wia gredt, so gschriebm – Journalismus in ländlichen Räumen" trafen sich 20 Teilnehmende aus der bayerisch-österreichischen Grenzregion, um über Berichterstattung im ländlichen Raum, Arbeitsbedingungen von Lokaljournalist:innen sowie Kunst und Kultur zu diskutieren.
Ein Projekt von RURASMUS, Wir sind Leischn und der Regionalentwicklung Oberland KU, kofinanziert von der Europäischen Union im Rahmen des Programms Interreg Bayern–Österreich 2021–27. Nach einem gemeinsamen Mittagessen, das den informellen Austausch von Beginn an förderte, folgten drei Fachvorträge mit moderierten Diskussionsrunden.
Gruppenfoto von der Veranstaltung & Workshop in Schärding
Das Lokale zwischen Nähe und Distanz
Den Auftakt machte Melanie Haberl von der Universität Wien mit ihrem Vortrag „Man kennt sich halt: Das Lokale zwischen Einhegung und Abgrenzung". Sie beleuchtete die besondere Rolle von Lokaljournalist:innen als Gatekeeper:innen, die sich im ständigen Spannungsverhältnis zwischen Nähe zur Gemeinschaft und professioneller Distanz bewegen. Das „Sich-Kennen" beschrieb sie als fragile soziale Errungenschaft, die kontinuierliche Pflege erfordert und elementar für die Vertrauensarbeit vor Ort ist.
Geschichten vom Land erzählen
Sara Geisler vom ZEIT-Magazin teilte in ihrem Vortrag „Wie erzählt man das Land?" praktische Strategien für Journalist:innen. Sie sprach über die Suche nach großen Geschichten in Chronikmeldungen, Lokalspalten und sozialen Medien. Dabei betonte sie die Notwendigkeit von Übersetzungsleistungen, etwa durch persönliche Geschichten oder geografische Besonderheiten, um Postkartenklischees zu vermeiden und authentische Narrative zu entwickeln.
Narrative des ländlichen Raums hinterfragen
Isabel Stumfol, selbstständige Schreibtrainerin, Autorin und Raumplanerin, thematisierte in ihrem Input kritische Narrative des ländlichen Raums. Anhand von Presseartikeln wurden Themen wie die Dominanz des motorisierten Verkehrs, Leerstände und die Diskrepanz zwischen Idealisierung und Realität diskutiert. Im Fokus stand die Frage: Welche Bilder werden bewusst oder unbewusst gezeichnet, welche Stereotype bedient? Diese und mehr Fragen wurden gemeinsam mit Katharina Spanlang und Magdalena Hubauer vom Verein “Wir sind Leischn” aufgemacht und in der großen Runde diskutiert.
Erkenntnisse aus der Fishbowl-Diskussion
In einer interaktiven Fishbowl-Diskussion vertieften die Teilnehmenden die Themen des Tages. Dabei kristallisierten sich vier zentrale Erkenntnisse heraus:
Zum Thema Praxis des Lokaljournalismus wurde das Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz intensiv diskutiert: Journalist:innen brauchen ein starkes lokales Netzwerk, müssen aber gleichzeitig professionelle Distanz wahren. In der Praxis bedeutet das oft, nicht über die eigene Wohngemeinde zu schreiben. Die Strategie „Local First" wurde als Erfolgskonzept genannt, bei dem exklusive lokale Inhalte hinter Bezahlschranken gestellt werden.
Zum Thema Community-Medien brachten Vertreter:innen freier Radios die Perspektive der Partizipation ein: Ziel ist es, Menschen aus der Bevölkerung zu ermächtigen, selbst Medien zu gestalten. Bürgermedien werden als Komplementärmedien verstanden, die Themen aufgreifen, die in Massenmedien keinen Platz finden.
Zum Thema Medienkompetenz und Bildung diskutierten Lehrer:innen, wie Schüler:innen der Umgang mit der Informationsflut und die Analyse manipulativer Inhalte beigebracht werden kann. Das zertifizierte Schulradio in Ried wurde als Best-Practice-Beispiel genannt.
Zum Thema Künstliche Intelligenz zeigte sich: KI wird im Lokaljournalismus bereits aktiv genutzt, jedoch primär als Werkzeug zur Effizienzsteigerung, etwa für Transkriptionen oder Korrekturen. Sie ersetzt nicht die journalistische Einordnung und den inhaltlichen Mehrwert.
Ausblick
Das durchweg positive Feedback und der Wunsch nach Fortsetzung zeigen: Der grenzüberschreitende Dialog über Journalismus im ländlichen Raum hat gerade erst begonnen. Gespräche über weitere Kooperationen, auch mit dem Deutschen Journalisten-Verband, laufen bereits.
Kontakt zum Projektteam:
https://www.rurasmus.eu/ - Nina Koth
https://leischn.at/ - Katharina Spanlang & Magdalena Hubauer
https://www.regionalentwicklung-oberland.de/ilona-kaffl/